Sonnenfinsternis in der Türkei

Es gibt wohl keine Seite über die SoFi ohne die unvermeidlichen "Erfahrungsberichte". Aber das liegt daran, dass all diese Leute, die ihre Bilder ins Web stellen, merken, dass es eben nur Bilder sind und dass die eigentlichen Erlebnisse dieses Moments weiter nur in ihren Köpfen bleibt. Kann man jemandem, der dies nicht gesehen hat, irgendwie verständlich machen, was in einem vorging?

Wenn euch dieser Text langweilt, dann schlage ich vor, seht euch einfach die Bilder an, und gut ist. Aber vielleicht kann ich ein bisschen von dem retten, was vielleicht auf keinem Film festgehalten werden kann.

Ein neuer Versuch

An diesem Morgen waren wir alle ein wenig unruhig. Auf die Wetterbedingungen wollte nun wirklich niemand mehr wetten, zu häufig wechselten sich in den letzten Tagen die guten und schlechten Nachrichten ab. Viele von uns erinnerten sich nur zu gut an die Erlebnisse des 11. August 1999, als die  Sonnenfinsternis buchstäblich ins Wasser fiel.

Die 99er-Finsternis war ein Ereignis, das ich damals seit über 20 Jahren erwartete - als Kind schon Was-ist-Was-Bücher lesend, "Planeten und Raumfahrt" und "Die Sonne" als erste Ausgaben in meinem Besitz. Dass es nach 20 Jahren Wartezeit am Wetter scheitern sollte, hatte ich bis kurz zuvor gar nicht erst erwogen.

Umso argwöhnischer betrachteten wir den Himmel. Das schöne Wetter am Dienstag verschaffte Hoffnung, aber nicht unbedingt unbeschränkte Zuversicht. Jetzt, an diesem Mittwochmorgen, krochen Zirruswolken über den Himmel. Auch wenn sie durchscheinend wären, würden sie die freie Sicht doch ein wenig behindern. Die Berge im Rücken hielten sich ihre Kumuluswolken, wie schon in all den vergangenen Tagen. Dorthin wollten wir fahren - die Reiseplanung sah den Besuch des Dorfes Akseki vor. In 1100m Höhe sollte die Sicht besser sein als am Meer - was richtig sein mochte, wären da nicht diese Quellwolken.

So standen wir um 9 Uhr zusammen und warteten auf die Beschlüsse der Reiseleitung. Dr. Beck erläuterte: "Wer von Ihnen die Finsternis definitiv sehen möchte, bleibt am besten hier am Hotel und geht zum Strand. Die anderen kommen mit mir in die Berge. Ich betone, dass dies die Gefahr birgt, dass wir die falsche Entscheidung treffen und in die Wolken fahren."

Die richtige Entscheidung?

pic0002kTrotzdem fuhren über 30 Leute, mich einschließlich, nun in die Berge. Zumindest gab es noch die Chance, dass wir frühzeitig umkehren, wenn das Wetter zu schlecht würde. Während der Busfahrt richteten sich die Augen immer wieder auf den Himmel. Blau, Zirruswolken - aber dort: Haufenwolken am Horizont! Wenn sie nicht mehr würden, so Dr. Beck, sähe es so aus, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hätten.

Aber die Wolken wurden nicht weniger, und nach den ersten paar Wolken am Horizont wurden nach einer weiteren halben Stunde Busfahrt nun deutlich mehr Wolken, aber das Wetter hätte man unter normalen Umständen gerne noch als "schön" bezeichnet. Das würde man jedoch nicht tun, wenn man dadurch ausgerechnet eine Wolke vor der Sonne liegen hätte.

Nun waren wir in Akseki, schauten uns eine Moschee an und begaben uns zum Restaurant. Kaum ausgestiegen, teilte Dr. Beck mit, dass wir so schnell wie möglich zurückkehren müssen - die Wolken verdichteten sich fast zusehends. Es war bereits 12 Uhr, wir waren über eine Stunde unterwegs, und nun zurück? Das Mittagessen musste ein wenig schneller als gesund eingenommen werden, und um 12:30 Uhr setzten sich sofi01dunsere beiden Busse wieder in Bewegung, zurück, so schnell es geht.

Am Restaurant erwischten uns die ersten Schatten der Wolken und ließen die Sorge wieder anwachsen. Je länger wir fuhren, umso besser wurde die Stimmung, denn die Wolken schienen zurückzubleiben. Kaum 10 Minuten vor eins konnten wir den ersten Kontakt beobachten. Und um 12:54 Uhr ergatterte ich das erste Bild mit meiner Digitalkamera durch das Busfenster.

Es wird ernst

Eine halbe Stunde später lenkte der Busfahrer den Bus auf den Seitenstreifen, und nun wurde es ernst. Gepäck greifen und raus! Draußen war - ich konnte es einfach kaum glauben! - strahlender Sonnenschein, keine Haufenwolke mehr, Windstille, wenige Zirren am Himmel. Wir liefen den Pfad entlang zu einem Platz, der etwas unterhalb eines Hügels gelegen war. Dort oben waren andere Schaulustige mit ihren Instrumenten bereits versammelt, und hier, den Weg entlang gehend, trafen wir auch drei weitere Beobachter, die sich nun vielleicht vergebens Hoffnung auf ein stilles Plätzchen machten, da wir zu Dreißigst nun dort einfielen.

Ich musste zunächst meine Stative aufbauen, zwei große Stative und ein Ministativ. Vorher machte ich mir Gedanken, welches Gerät nun mit dem kleinen Stativ auskommen müsse, und nun beschloss ich kurzerhand, den Camcorder auf dieses Stativ zu setzen. War wohl keine schlechte Wahl, wie sich zeigte, denn so konnte ich bequemer mit meinen Fotoapparaten umgehen.

Die Minuten vergingen, während wir uns postierten, die Kameras ausrichteten, nervös hin- und herliefen. Und noch immer keine Wolke in Sicht ... Wahnsinn. Es würde diesmal klappen.

Erinnerungen an 1999 kamen zurück. Damals stand ich mit meinem LX-50-Teleskop, keine vier Wochen alt, bei Bekannten südlich von Saarbrücken und war damals in derselben Phase ebenfalls bester Stimmung, weil wir die herannahenden Wolken hinter dem Haus nicht sahen. Diesmal standen wir auf einer Wiese mit Rundumblick, sodass sich keine Wolken unverhofft anschleichen würde. Die Zeit verstrich, und die Wolken hatten keine Chance mehr.

Die Dunkelheit kommt

umgebungkWind kommt auf, es wird kühler. Das Licht war viel schwächer als noch vor einigen Minuten. Die Umgebung sah so aus, als trüge man eine dunkle Sonnenbrille: Alles scharf, die Schatten härter als sonst, aber ... dunkel. Irgendwie dunkel. Und eben wurde es noch ein Stückchen dunkler - jetzt schon? Wir hatten doch noch fünf Minuten.

Die Augen passten sich noch immer an, es kam uns noch einigermaßen hell vor. Die Aufnahme auf meinem Camcorder spricht eine ganz andere Sprache: Es war bereits so duster, dass man die Gesichter der Anwesenden nicht mehr erkennen konnte. Ein einsamer Baum stand an unserem Beobachtungsplatz, und Dr. Beck zeigte uns, wie die Schatten der Blätter extrem scharf auf dem Boden tanzten. Meinem Nachbarn fiel das Schauen auf den Boden zunehmend schwerer, wie er sagte. Der Rest der Helligkeit, der nun sehr hart auf den Boden schien, führte zu merkwürdigen Schattenspielen.

Jetzt merkte man, wie Unruhe aufkam. Wohin blicken? Jemand rief, dass er die Schatten gesehen hätte, jene fliegenden Schatten, die als diffuses Linienmuster über den Boden huschen. Dr. Beck riet uns, in Richtung des Meeres zu blicken, das sich tief unter und vor uns erstreckte, um den herannahenden Mondschatten zu sehen. Vielleicht sah ich ihn - wir alle waren uns nicht sicher, denn der Blick hinab ins Tal war ein wenig von Dunst getrübt.

Und eben wurde es dramatisch dunkler! Das Licht wird abgedunkelt, die Vorstellung beginnt, und zum Glück müssen wir vorher keine Werbung über uns ergehen lassen. Aber Popcorn wäre nicht schlecht gewesen. Und dort über dem Meer sah ich eine waagrechte Linie, oberhalb derer es dunkler war. War dies der Mondschatten?

Die Vorstellung beginntsofi12d

"Bereithalten, die Filter abzunehmen" - ich nahm sie gleich ab, es wird den Fotoapparaten nicht schaden. Es ist nochmal dunkler geworden, und man konnte die LCD-Anzeigen auf den Kameras nicht mehr erkennen. Ich blickte hoch - wie sieht sie aus? Es ist immer noch eine kleine Sichel (auch dies sah ich 1999 schon, bevor sich die Regenwolke davorschob), und da schiebt sich die Mondscheibe tatsächlich vollständig vor die Sonne!

Es ist unfassbar, aber da stehe ich, eine totale Sonnenfinsternis betrachtend, und vergesse gerade all die Enttäuschung von 1999. Im ersten Moment mussten sich meine Augen nochmal adaptieren, als der letzte Rest Sonnenlicht verschwand; es war etwa so, als ob man versucht, sich in einem dunklen Raum zurechtzufinden, nachdem man das Licht ausschaltet. Ein paar Sekunden später breitete sich die Korona zur Seite aus.

Aus der sonnigen, heiteren Umgebung war nun eine Märchenlandschaft geworden. Man fühlt sich außerstande, all dies in der kurzen Zeit irgendwie sinnlich zu erfassen: der blauschwarze Himmel, die Dunkelheit, die Kühle, der Horizont, der sich von der dunklen Landschaft erst mit einer hellen Linie abgrenzt, dann darüber von einem kräftig orangen Band, das wie aus einer Abendstimmung zu kommen scheint. Über diesem Band kam nahezu abrupt der tiefblaue Himmel, der schnell in dieses merkwürdige Fastschwarz abgleitet. Wobei ... ich muss zugeben, ich weiß nicht mehr genau, wie der Übergang war; man konnte nicht überall gleichzeitig hinsehen.

Und dann diese Stille. Ich war viel zu aufgeregt, um mich unbehaglich zu fühlen, aber im Nachhinein empfinde ich es noch gespenstischer. Diese Stille, die bleischwer über der Landschaft lag, nur unterbrochen von vereinzelten Klickgeräuschen der Kameras. Und dort ein Stern - ja, die Venus, von den meisten meiner Gruppe bereits entdeckt, und da man sie gerade sah, fielen einem plötzlich die ganzen anderen Sterne auf, die am Himmel nun mit Leichtigkeit zu sehen waren, nachdem sich der Blick auf diese Dunkelheit einstellen konnte. Die Sterne, die ein so vertrautes Bild abgaben - wäre es nicht mitten am Tage. Dort, der Merkur - habe ich ihn eigentlich jemals mit dem bloßen Auge schon gesehen? Nicht jeder fand ihn, Fragen durchbrachen die Stille.

Dröhnende Stille

Noch immer kein Tier zu hören; weit weg von der Straße oder irgendeinem Ort, vergehen die Sekunden dieses Erlebnisses. Mir fielen die Fotoapparate ein; ich sollte wieder ein paar Bilder machen. Hoffentlich werden sie gut. Ich sollte nach oben sehen und nicht nur durch die Sucher, und da stand sie noch immer da. So groß ... so unerwartet groß. Ich kannte schon Darstellungen einer Sonnenfinsternis, und ehrlich gesagt war ich darauf eingestellt, etwas von der Größe eines Vollmondes hoch am Himmel zu sehen, umrandet von einer hellen Korona. Aber das, was dort zu sehen war, erschien geradezu riesig. Tatsächlich war die Korona links und rechts von der Sonne derart weit ausfasernd, dass die Scheibe mühelos nochmal auf beide Seiten gepasst hätte. Dieses Ding, das am Himmel auf uns herunterdröhnte - ja, dröhnen war das Wort, das mir immer wieder in den Sinn kam -, wäre es von einem Donnergrollen begleitet gewesen, man hätte es hingenommen. Aber so stand es da oben, prangte da oben, und tat dies in völliger Ruhe.

Die Zeit verging; Dr. Beck sagte die Zeit durch, die Mitte der Finsternis war vorüber. Das Bild änderte sich fortwährend; nun schien der helle Rand der Korona am rechten unteren Rand der schwarzen Mondscheibe dicker zu werden. Der Traum würde bald vorüber sein. Viele hörten auf zu fotografieren, um dem Ereignis noch so viele Eindrücke wie möglich zu entlocken. Wenn ich nun auf meine Bilder sehe, bin ich natürlich enttäuscht, dass ich nicht einmal die Landschaft um uns herum aufnahm - aber mal im Ernst, wer würde sich nun die Kamera verstellen? Also noch ein paar Bilder machen und auf das Ende achten.

Alles hat ein Ende

sofi27dUnd das Ende kam so dramatisch wie angekündigt: Die Filter hatte ich noch nicht auf die Apparate geschraubt, denn ich versuchte dieses Durchbrechen der ersten Strahlen einzufangen. Leider dachte ich dabei nicht mehr daran, dass mein Digitalfoto eine Auslöseverzögerung aktiviert hatte, und daher verpasste ich den besten Moment um zwei Sekunden, aber das Foto zeigt dafür diesen drastischen Helligkeitsausbruch.

Und damit war klar, das es vorüber war. Sehr schnell wurde der Himmel wieder normal blau, das Licht zwar noch etwas fahl, aber alles fast wieder "normal". Und so, als wollte und das Ereignis noch einen letzten Gruß nachschicken, zeigten sich auf dem Zufahrtsweg neben uns die "fliegenden Schatten".

Ich wollte eigentlich nur ein bisschen mehr sehen als die Wolken von 1999. Die ganze Anspannung war weg, wir packten unsere Gerätschaften ein,
sprachen noch ein bisschen über das Erlebte.

Wir hatten das volle Programm.

Technik

Die Bilder wurden mit einer Minolta Dimage A2 (bis 200 mm Brennweite) auf einem Stativ erstellt. Das Bild am Anfang der Seite entstand aus einer Auswahl der Bilder, wobei diese übereinander gelegt wurden und Kontrast und Helligkeit angepasst wurden.

Bilder von der Sonnenfinsternis

Diese Fotos stellen verschiedene Phasen der Finsternis dar. Das erste Bild entstand um 12:54:03 Ortszeit, das letzte Bild um 14:18:16.

Bilder von der Umgebung

Natürlich habe ich auch ein paar Bilder der Umgebung gemacht, der Hotelanlage in Manavgat insbesondere. Am nächsten Tag ging es für eine kurze Stadtbesichtigung nach Antalya. Und der Himmel war bedeckt, es regnete sogar leicht! Wenn dieses Wetter nur einen Tag früher gekommen wäre ...